Seelsorge im Campingbus

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28.04.2017
Ursprünglich als Anlaufstelle für Angehörige von Psychiatriepatienten und Strafgefangen gedacht, ist der Rencar auch für andere Menschen in Not offen. Mit welchen Problemen sie zum Seelsorgebus kommen, zeigt ein Augenschein vor Ort.

Mittwoch, 15 Uhr, Delémont. Ein Campingcar mit knalliger Markierung parkiert auf dem schmalen Platz zwischen Migros und dem Flüsschen Sorne. «Espace de recontre et d’écoute – Raum für Begegnung und Gespräch» liest man auf den Türen. Bis 18 Uhr werden diese Türen offen sein für alle. Egal, ob sie neugierig sind, einen Kaffee trinken oder sich bei den anwesenden Seelsorgern aussprechen wollen.

Das Gefährt heisst «Rencar» und macht über die Woche an verschiedensten Orten im Kanton Jura und im bernischen Jura halt. Der Car ist eine schweizweit einmalige Einrichtung für ambulante Seelsorge und wird im Wesentlichen von der jurassischen katholischen Kirche getragen. Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn beteiligen sich finanziell und personell.

18'000 Kilometer im Jahr
Vor fünf Jahren war da eine Vision: Der katholische Gefängnis- und Psychiatrieseelsorger Jean-Charles Mouttet wollte eine Anlaufstelle für Angehörige von Patienten und Strafgefangenen schaffen, die mit der Belastung oft alleingelassen werden. Das von ihm entwickelte und in seiner Bachelor-Arbeit vorgestellte Konzept fand die Zustimmung seiner Kirche. Das nötige Geld war gerade auch da, und so begann im Frühjahr 2012 eine Reise, die bis heute andauert. Der Car steuert dabei Städte, Spitäler und das Gefängnis im wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Rhythmus an und legt dabei 18‘000 Kilometer im Jahr zurück. Die Statistik von Dezember 2016 weist 3657 Begegnungen aus – die Nachfrage besteht also. Was die Betreuer vor Ort erwartet, wissen sie zuvor nie: «Manchmal kommt niemand, manchmal führen wir an einem Nachmittag sechs bis acht Gespräche», sagt Seelsorgerin Isabelle Wermelinger. Sie zählt zum vierköpfigen professionellen Team.

Systematsich gedemütigt
An diesem Nachmittag in Delémont kommen ein Ehepaar und eine junge Mutter vorbei, die sich informieren wollen. Eine verzweifelte Frau mittleren Alters kann im hinteren Teil des Wohnwagens, der abgetrennt ist, mit einer Freiwilligen sprechen. Man will ihr ihre drei Kinder wegnehmen. Am Tisch beim Eingang sitzt Stéphanie, 43 Jahre alt. Im richtigen Leben heisst sie anders. Stéphanie hat eine leichte kognitive Beeinträchtigung. Sie leidet allerdings nicht unter dieser Beeinträchtigung, sondern an ihrem familiären Umfeld: «Eine toxische Familie», sagt Seelsorgerin Wermelinger. Stéphanie sei jahrelang systematisch gedemütigt und kleingemacht worden, so dass sie jegliches Selbstvertrauen verloren habe. Im Rencar, den sie seit nun drei Jahren regelmässig besucht, wird sie wieder aufgebaut und ermutigt. Heute geht es ihr besser: Sie hat eine Arbeit in einer Kinderkrippe gefunden und glaubt, dass sie die Rencar-Begleitung vielleicht bald nicht mehr benötige. Ob Seelsorgerin Wermelinger das schlimm findet? «Im Gegenteil. Das ist das schönste Geschenk, das Sie mir machen können.»

Nur auf Wunsch ist Gott ein Thema
Wermelingers Lieblingsgeschichte ist die einer Frau, die im Car sass und nicht mehr mit Weinen aufhören konnte. Sie fürchtete, dass sie nach der Scheidung alles verlieren werde. Ein junger Mann mit kleinkrimineller Vergangenheit nahm sie in den Arm – und sie beruhigte sich. «Weinen Sie nicht, Madame», sagte er. «Gott steht Ihnen bei.»

Von Gott wird nur gesprochen, wenn der Besucher oder die Besucherin es wünscht. Die Seelsorgenden handeln zwar aus ihrer christlichen Überzeugung heraus, drängen ihre Überzeugung niemandem auf. Es komme regelmässig vor, dass eine ratsuchende Person ein Gebet am Ende des Gesprächs wünsche, sagt Wermelinger: «Und das längst nicht nur bei Christen, sondern auch bei Muslimen und Buddhisten.» Ganz elementar sei für sie die seelsorgerliche Haltung der bedingungslosen Annahme und des «Nichtwissens». «Nicht wir empfangen diese Menschen, sondern sie uns. Dabei geben sie uns Anteil an ihrem Innersten.» Oder nochmals anders formuliert: «Sie sind so freundlich, uns zu erklären, was sie beschäftigt», sagt Wermelinger.

Über 40 Freiwillige
Diese Haltung wird auch von den Freiwilligen erwartet. Über vierzig Menschen setzen sich gemeinsam mit den Angestellten für das Projekt ein. Dabei wird genau darauf geachtet, wer sich für die Aufgabe eignet. Wer als freiwilliger Mitarbeiter seelsorgerliche Gespräche führen will, muss zudem eine von Caritas angebotene Weiterbildung in Palliative Care mitbringen und eine regelmässige Supervisionen absolvieren.

Das Projekt zeigt gut: Durch den Rencar kommen Menschen mit der Kirche in Kontakt, die nicht mehr viel von ihr erwarten. Umgekehrt lernen Gemeindemitglieder Menschen kennen, von deren Schicksal sie sonst höchstens in der Zeitung lesen würden. Das Rencar-Team hält nicht nur auf öffentlichen Plätzen, um Hilfe anzubieten, sondern erzählt auch an Gemeindeanlässen, Konfirmandenstunden oder auf dem Vorplatz der Kirche von seiner Arbeit.

Marianne Weymann / ref.ch / 28. April 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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