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Politik

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«Tiere dürfen der Kirche nicht egal sein»

15.09.2022
Der Ethiker und Pfarrer Christoph Ammann wünscht sich seitens der Kirche mehr Engagement für die Rechte der Tiere. Der Präsident des Arbeitskreis Kirche und Tiere unterstützt die Massentierhaltungs-Initiative.

Herr Ammann, weshalb sind Sie für die Massentierhaltungs-Initiative?
Unsere Verfassung und das Tierschutzgesetz fordern, dass wir die Würde der Tiere respektieren. Genau dieser Forderung kommt die Initiative nach. Es gibt keine Würde für Tiere in der Massentierhaltung.

Warum ist die Initiative für die Kirche relevant?
Sie hat den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Damit ist in meinen Augen konkret auch der Umgang mit Tieren gemeint. Es erstaunt mich, dass in der Kirche die Massentierhaltungs-Initiative kaum Thema ist. Es würde ihr gut anstehen, sich dazu zu äussern. Tiere dürfen der Kirche nicht egal sein. Für mich gibt es für die Zurückhaltung keine guten theologischen Gründe. Im Gegenteil: Das Schweigen ist für mich befremdlich. Vielleicht hat man Angst, sich die Finger zu verbrennen.

Was kann die Kirche für die Tiere tun?
Sie kann sich zum Beispiel für Tierrechte auf Kirchgemeindeebene einsetzen. Also dort, wo Kirche gelebt wird. Man könnte am Mittagstisch fleischlos kochen, den Seniorennachmittag vegetarisch gestalten. Man muss kein grosses Aufheben darum machen.

Fleisch wird gerne auch an reformierten Anlässen konsumiert. Zum Beispiel gibt es die berühmte «Zwingliwurst», die oft nicht in Biobetrieben gefertigt worden ist. Stört Sie das?
Ja, das regt mich zunehmend auf. Ich bin kein moralischer Extremist. Aber dass der Kirche in diesem Bereich die Sensibilität fehlt, kann ich nicht verstehen. Kirchenverantwortliche schreien Alarm, wenn Menschen ausgebeutet werden, aber bei den Tieren scheint es egal zu sein. Ich finde das Wurstessen historisch bedeutsam. Es war wichtig, für die reformatorische Freiheit einzustehen. Aber heute sollte man sich schon zweimal überlegen, ob das noch zeitgemäss ist.

Sollten Christinnen grundsätzlich Veganerinnen sein?
Das schiene mir zu stark formuliert. Aber es sprechen sicher viele ethische Gründe für eine pflanzliche Ernährung und Lebensweise. Wir sollten alle viel, viel weniger Fleisch essen, denn mit der Fleischproduktion geht viel Leid einher, und sie verbraucht sehr viele Ressourcen.

Gibt es überhaupt Würde in der Tierhaltung?
Ja, das würde ich nicht pauschal verneinen. Es wäre eine extreme Position zu sagen, dass man Tierhaltung grundsätzlich verbieten soll. Es gibt durchaus Formen, bei denen die Halterinnen eine persönliche Beziehung zu den Tieren haben und bei denen die Tiere art- und bedürfnisgerecht leben können. Bei der Massentierhaltung ist das aber nicht der Fall.

Der Bundesrat sagt, dass von der Initiative nur ein kleiner Teil der Bauern betroffen wären. Ist die Initiative nicht unnötig?
Nein. Aber die Aussage zeigt, dass es keine extreme Initiative ist. Eine Annahme wäre nicht das Ende des Schweizer Bauernstandes. Aber sie würde das Leben vieler Tiere erheblich verbessern.

Trotzdem würden einige Bauernbetriebe eingehen. Nehmen Sie das in Kauf?
Grundsätzlich tut mir jeder Bauer leid, der seinen Betrieb schliessen müsste. Aber wegen dieser Initiative muss kein Kleinbetrieb dicht machen. Im Fokus sind die Grossbetriebe mit ihren riesigen Ställen. Es ist schade, dass der Bauernverband dermassen im Abwehrkampf ist. Ich bin überzeugt, dass Massentierhaltung in der Landwirtschaft keine Zukunft hat.

Fakt ist, dass bei einer Annahme Fleisch teurer würde. Sollen sich in Zukunft nur noch Gutverdienende Fleisch leisten können?
Das ist eine populistische Frage. Wir sind davon meilenweit entfernt. Lassen Sie es mich mit dem Flugverkehr vergleichen. Es gibt kein moralisches Recht darauf, günstig zu fliegen. Genauso gibt es kein moralisches Recht, tierquälerisch erzeugtes Fleisch zu essen. Man darf auch nicht vergessen, dass der ökologische Fussabdruck gross ist, der durch Fleischkonsum entsteht.

Die Schweiz hat schon heute ein strenges Tierschutzgesetz. Warum reicht Ihnen das nicht?
Weil es oft ein Papiertiger ist. Immer wieder werden Skandale in der Tierhaltung aufgedeckt, weil die Betriebe nicht strenger kontrolliert werden. Deshalb braucht es nicht nur den ethischen, sondern auch den rechtlichen Druck.

Könnte man die Konsumenten durch Aufklärungskampagnen sensibilisieren und sie selbst entscheiden lassen, welches Fleisch jemand kaufen will?
Das Portemonnaie ist vielen Konsumenten sehr nah. Viele gehen davon aus, dass auch das günstige Fleisch ordentlich produziert ist. Das ist aber ein Trugschluss. Das Fleisch ist im Vergleich zu anderen Produkten zu günstig, weil die Produktion subventioniert wird. Ich würde gerne an das Ideal des mündigen Konsumenten glauben, der  aus Überzeugung nur noch Fleisch aus artgerechter Haltung kauf. Ich bin da aber sehr skeptisch. Man muss auch politische Hebel nutzen und die Produzenten und Grossverteiler in die Pflicht nehmen.

Ref.ch

Christoph Ammann ist Pfarrer in der Kirchgemeinde Zürich-Witikon. Davor war er viele Jahre an der Universität tätig, darunter 9 Jahre als Oberassistent am Institut für Sozialethik. Seit 2016 ist er Präsident von AKUT, des Arbeitskreises Kirche und Tiere. Er lebt mit seiner Familie in Witikon.
Der Arbeitskreis Kirche und Tiere (AKUT) ist ein gemeinnütziger Verein, parteipolitisch neutral und konfessionsübergreifend. Er ist der Überzeugung, dass die Tiere ihre Lebensqualität und ihre Würde Teil christlich verantworteten Denkens und Handelns sein müssen. Ihres Erachtens ist das Gebot der Nächstenliebe universal und schliesst die Tiere mit ein. (bat/ref.ch)

Die Initiative
Am 25. September 2022 entscheiden die Schweizer Stimmberechtigten über die Massentierhaltungs-Initiative. Diese will den Schutz der Würde von Nutztieren wie Rindern, Hühnern oder Schweinen in die Verfassung aufnehmen. Sie will zudem die Massentierhaltung verbieten, weil dabei das Tierwohl systematisch verletzt werde. Die Initianten fordern, dass der Bund strengere Mindestanforderungen festlegen müsse für eine tierfreundliche Unterbringung und Pflege, den Zugang ins Freie, die Schlachtung und die maximale Gruppengrösse pro Stall. Die Anforderungen würden auch gelten für den Import von Tieren und Tierprodukten wie auch von Lebensmitteln mit Zutaten tierischer Herkunft. (bat/ref.ch)


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