Gott hat offensichtlich Humor
Wenn es nach mir ginge, sähe der Heilige Geist aus wie ein Papagei. Weil dieser Vogel so klug und so bunt ist und erst noch älter wird als ein Mensch. Aber da ich mich doch lieber an Jesus orientiere als an meinen privaten Ideen, trage ich mein Tauben-Tattoo trotzdem mit Überzeugung und Freude.
Euer Leib ist ein Tempel des heiligen Geistes
Paulus fragte einst: «Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?» Ich wüsste dies zwar, vergesse es aber ständig. In diesem Zusammenhang ist mir mein Tattoo eine echte Hilfe. Wenn ich nun jeweils am Morgen vor dem Spiegel skeptisch mein Altwerden beurteile, erinnert es mich daran: Gott will sich durch meinen Leib mitteilen. Das ist mehr als die 83 Kilo Fleisch und Knochen. Es ist meine gesamte physische Existenz: Hören und Sehen, Reden und Tun, Denken und Fühlen.
Logo der Kirchgemeinde
Mein Heiliggeist-Tattoo hat zudem eine biografische Bedeutung. Es ist das Logo meiner Kirchgemeinde. In den späten Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts war ich kurze Zeit Lehrer in Sargans. Ich war zuerst konfessionslos und trat dann aus opportunistischen Gründen in die Kirche ein (Religionsunterricht erteilen). Reine Neugier brachte mich in einen Gottesdienst. Ich verliess ihn mit dem absurden Eindruck, ich würde gern Pfarrer werden. Das geschah dann so. Aber dass ich 42 Jahre später mein Berufsleben ausgerechnet in dieser Gemeinde abschliessen würde? Gott hat offensichtlich Humor!
Hast Du eine Bewilligung?
Vor etwa zwei Jahren ging es in einem modernen Gottesdienst um den «Tempel des Heiligen Geistes». Ich ergriff die Gelegenheit und liess mir die Taube tätowieren. Schon immer hatte ich Freude daran, Teile meines Körpers durch Schmuck und Symbole zu betonen. Ob dies damit zu tun hat, dass in mir 50 Prozent italienisches Blut fliessen? So trage ich um meinen Hals ein Kettchen mit einem Kreuz und am Ohr ein Dreieck als Symbol für die Trinität. Vor sehr vielen Jahren war ich der erste mir bekannte Fall eines Pfarrers, der einen Ohrstecker trug. Die Leute wollten damals wissen, ob mir die Kirchenleitung dazu die Bewilligung erteilt habe.
Tattoo-Studio für Senioren
Unterdessen hat sich das massiv verändert. Aus meiner Sicht entscheiden Jugendliche viel zu früh, welche Symbole sie tätowieren lassen. Deshalb brauchen sie ständig neue Tattoos. Etwas derart Definitives sollte man sich erst im hohen Alter verpassen – also wenn ein Mensch weiss, was wirklich wesentlich ist in seinem Leben.
Vielleicht sollte ich nach meiner Pensionierung ein Senioren-Tattoo-Studio gründen.
Text: Rolf Kühni, Pfarrer in Sargans | Foto: Kim Kühni – Kirchenbote SG, Juli-August 2020
Gott hat offensichtlich Humor