Hemmige
Der stille Ort
Es gibt unterschiedliche Gründe, die Scham verursachen. Bereits Kinder schämen sich. Bei mir war es das Nägelkauen und Daumenlutschen. Ich habe meine Hände darum vor den Erwachsenen versteckt. Ich hielt die Hände hinter dem Rücken oder packte meine Daumen in die Fäuste. Ich war fünf Jahre und habe mich geschämt. Für meinen Schrumpel-Daumen und für meine abgefressenen Nägel, die ich trotz dem bitteren Lack, den mir die Mutter draufstrich, immer noch abkaute.
Eine andere Form der Scham erlebte ich kürzlich im Spital. Ich musste operiert werden und benötigte Hilfe, um aufs WC zu gehen. Die Pflege stand daneben und wartete, bis ich fertig war. Damit ich nicht umkippte. Gerade das «Aufs-WC-gehen» ist etwas sehr Intimes. Das ist überall auf der Welt ähnlich. Das Klo ist ein Ort, an dem wir unser Geschäft alleine verrichten wollen. Wenn wir kein WC zur Verfügung haben, ist das unter Umständen beschämend. Doch auch wenn wir eine Toilette haben, ist es schambehaftet, wenn wir pflegebedürftig sind und nicht selbständig aufs WC können.
Blick auf die Erde
Darüber hinaus gibt es eine moralische Scham, die abstrakter ist und körperlich weniger spürbar, zum Beispiel die Flugscham. Wir fliegen, obwohl wir wissen, dass es dem Klima schadet. Wir wissen es, aber unser persönliches Interesse setzt sich durch.
Wechseln wir die Perspektive. Fliegen wir gemeinsam ins Weltall und besuchen die internationale Raumstation ISS und fliegen in 90 Minuten einmal um die Welt. Von dort oben wird die Weltkugel zu einem Blauen Planeten.
Müssen wir uns nicht schämen, dass wir zulassen, dass die einen so viel nehmen und die anderen so wenig haben?
In der Raumstation arbeiten amerikanische, europäische, russische und chinesische Astronautinnen und Astronauten zusammen. Sie wissen längst, dass keine Nation sich abschotten kann. Uns alle betrifft das, was rund um die Welt geschieht. Das Klima verändert sich nicht lokal. Ein Virus macht vor keiner Grenze halt. Alles, was wir tun, hat Auswirkungen. Vom All aus sieht die Erde wertvoll und zerbrechlich aus. Die Klimaveränderungen sind sichtbar. Noch sorgen Sonne, Wasser, Luft, Pflanzen und Tiere für eine Atmosphäre, in der wir leben können.
Schamlosigkeit
Doch die Menschheit hat es in den letzten hundert Jahren geschafft, unseren Planeten drastisch zu verändern. Der Mensch zieht Grenzen, grenzt ab, grenzt aus, grenzt ein, stört und zerstört. Schamlos beutet er die Erde und die Mitmenschen aus. Müssen wir uns nicht schämen, dass wir zulassen, dass die einen so viel nehmen und die anderen so wenig haben? Dass uns die Hemmung verlorengegangen ist, dem Planeten und allen Lebewesen Respekt zu zollen. Mani Matter hat das treffend in seinem Lied «Hemmige» ausgedrückt. Bereits 1970, also vor 55 Jahren. Mir jedenfalls fällt das Lied immer wieder ein, wenn ich in die Welt schaue.
Und wemme gseht, was hüt de Mönschheit droht, da gseht me würklech schwarz nid numme rot, und was me no cha hoffe isch elei, dass sie Hemmige hei.
Hemmige