Gummitwist auf dem Trottoir

Stadt, Land, Dorf

von Anna Schindler
min
01.09.2024
Wo gehöre ich hin? Ob wir in der Stadt oder auf dem Land aufwachsen, können wir nicht aussuchen. Erst wenn wir selbst entscheiden können, zeigt es sich, ob wir eher den Betrieb der Stadt oder grüne Wiesen und Kuhglockengeläut brauchen, um uns zu Hause zu fühlen.

Dorf

Wir hüpfen auf dem Trottoir vor unserem Haus. Gummitwist. Die Turnschuhe haben drei Streifen. Das weisse Elastik ist zwischen vier Beinen gespannt, die den Nachbarskindern gehören. Ich springe über die Bänder, verdrehe sie, springe hoch, hüpfe in den schmalen Zwischenraum und springe wieder raus. Das Band wandert von den Knöcheln zu den Knien. Springen, verdrehen, hochspringen, rein und raus. Jetzt ist das Gummi bei den Hüften. Wir hören das Klingeln des Eismannes. Er hält ein paar Strassen weiter. Das Gummiband fällt zusammen und bleibt auf dem Trottoir liegen. Mit einer Mark in der Tasche rennen wir zum Eiswagen. Jede von uns nimmt zwei Kugeln. Schokolade und Schokolade. Glacé schleckend kommen wir zurück und gummitwisten weiter bis wir genug haben. Die Nachbarn haben einen Fernseher. Bis es Zeit zum Nachhause gehen ist, schauen wir Raumschiff Enterprise.

Land

Der Boden unter den Füssen ist Gras. Feucht und kühl. Die Vögel zwitschern, während ich durch die Wiese an den Bach laufe. Barfuss. Der Bach gurgelt und erste Sonnenstrahlen fallen durch die Blätter. Viel Klee wächst dort. Dreiblättriger Klee. Ab und zu hat es sich der Klee anders überlegt und vier Blätter wachsen lassen. Die Füsse werden kälter. Aber erst, wenn ich ein vierblättriges Kleeblatt finde, darf ich umkehren. Ich finde fast immer eins. Auch diesmal. Trage es an den grasenden Kühen vorbei ins Haus. Ziehe ein schweres Tierlexikon aus dem Regal in unserem Ferienhäuschen im Zürcher Oberland am Waldrand. Klappe das Buch auf und lege den Klee vorsichtig hinein. Auf das zugeklappte Buch kommen weitere Lexika, ein Weltatlas und die Bibel.

Stadt

Unter der Kornhausbrücke fliesst die grüne Aare. Trams und Busse queren die Brücke, Velos sausen vorbei. Mit dem Kinderwagen schiebe ich mich durch die Lauben von Bern. Die dunklen Stadtbögen geben dem nebligen Himmel die Hand. Am Ende der Lauben wartet die Brücke, die zum Bärengraben führt. Touristen werfen Bärenfutter auf die braunen Tiere. Ich stosse das Kind auf der anderen Seite hinauf in den Rosengarten. Unten liegt die Stadt, eine steinerne Halbinsel im Fluss. Auf dem Spielplatz finde ich Mütter und Gespräche, aber keinen Anschluss. Am Samstagmorgen ist Markt in der Rathausgasse, ich kaufe französischen Käse, fünf Sorten und erstehe einen wilden Margeriten-Strauss. Gehe mit den Kindern in einen Laden, vollgestopft mit verrückten Sachen. Spiegeleiersocken und Einhorn-Lampen. Wir kaufen Tier-Tattoo-Kleber.

Grossstadt

Silbern glänzend fliessen die Autos wie kleine Spielzeuge durch die Strassenschluchten. Vom 80. Stockwerk durch geschlossene Fensterscheiben ist der Verkehr lautlos wie ein Fluss. Mit dem Lift sause ich in die Tiefe. Die Häuserfassaden sind bepflanzt, als wären ihnen Haare gewachsen. Die Töne der Ampeln machen Musik, Ohrwürmer, die auch in der Nacht noch weiterklingen. Mit einer Rolltreppe fahre ich in die Tiefe. Rush-Hour in Tokyo. Menschen eilen wie Ameisen in die U-Bahn. Der Wagen wird so voll, dass ein Mann mit weissen Handschuhen nachhilft. Er drückt uns zusammen wie einen Teig, bis die Türe zugeht. Niemand reklamiert oder drängelt. Eingepackt in ein Bündel Menschen, rase ich unter der Erde von Tokyo zu meinem Ziel. Zwischen Japanerinnen und Japanern, die ihre Köpfe an den Rücken der nächsten Mitreisenden legen und schlafen.

Ich habe in der Stadt, auf dem Land und im Dorf gelebt. Ich eigne mich nicht als Stadttiger und ein Landei bin ich nur in den Ferien. Am liebsten bin ich Dorfmensch.

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