Dörfer und Städte stehen beide vor Herausforderungen

Stadtkind oder Landei?

von Annette Spitzenberg
min
01.09.2024
Erfahrungen und Gedanken eines Stadtkindes, welches auf dem Land arbeitet: Unter-schiedliche Pulse sind wahrnehmbar, die Herausforderungen von Dörfern und Städten sind verschieden. Und doch brauchen sich Stadt und Land gegenseitig.

Abends in der Dämmerung trete ich nach vollbrachter Arbeit aus meinem Büro in Reute und begebe mich zielstrebig über den Kiesplatz zu meinem Gefährt. Doch dann halte ich inne und lausche. Der Paarungsruf des Glögglifrosches ertönt (Geburtshelferkröte). Eine Nachbarin fährt auch auf den Platz, entsteigt ihrem Auto, nun lauschen wir zu zweit. Auch sie drückt ihre Bewunderung und Faszination aus für diesen flötenden Ruf. Ich spüre ein unerklärliches Gefühl von Glück und Ehrfurcht. Ja, das gibt es noch, das gibt es hier, diesen Ruf.

Der Gögglifrosch verbindet meine zwei Welten

Erstmals gehört habe ich ihn aber nicht im Dorf Reute, sondern bei mir zuhause in der Stadt St.Gallen. Da habe ich das grosse Privileg, am Stadtrand zu wohnen, in der Nähe des Waldes, der Sitter und der Ganggelibrugg. Dort hörte ich ihn vor einigen Jahren erstmals abends. Und da erwies ich mich als richtiges Stadtkind. Ich lauschte fasziniert, wusste aber nicht, was da so schön nächtlich flötete in unterschiedlichen Tonlagen. Ich nahm den Ruf auf und sandte ihn einer Freundin. «Es ist der Glögglifrosch», schrieb sie mir dann. Seither verbindet sein Ruf meine beiden Welten, das Wohnen in der Stadt, das Arbeiten auf dem Land, ein wenig antizyklisch, denn bei den meisten Menschen ist es umgekehrt.

Ich bin in Biel aufgewachsen, einer Stadt von ähnlicher Grösse wie St. Gallen, und damit ein echtes Stadtkind. Ich lebe gern in einer Stadt. Mir ist wohl da. Ich liebe es, wenn Kultur, Einkauf und etliche Freunde in erreichbarer Velodistanz sind. Ich schätze das kulturelle Angebot (m)einer Stadt und dass ich dafür nirgendwo hinfahren muss. Oft bin ich auch froh um die Anonymität, die eine Stadt bietet. Sie ist wie eine Art Schutz, welche mir die Stadt gewährt, ein Rückzugsort, der über meine vier Wände hinausgeht. Und doch bin ich auch in der Stadt sehr privilegiert mit meiner Wohnlage. Ich kenne meine Nachbarn, habe inmitten der Stadt eine Art dörfliche Kleinstruktur, die ich sehr schätze. «Figgi und Müli», wie wir zu sagen pflegen.

Ich wünsche mir ein aufeinander Zugehen und ein wachsendes Bewusstsein, dass wir zusammengehören.

Politische und Mentalitäts-Gräben

Der Puls der Stadt ist jedoch anders, er ist schneller, höher als auf dem Land. Ich könnte daher nicht in jeder Stadt leben, vielleicht weil ich Bernerin bin. Als Stadtkind, das auf dem Land arbeitet, beschäftigen mich die Gräben zwischen Stadt und Land, welche sich zeigen: Politische Gräben, Mentalitätsgräben. Es beschäftigt mich, dass in den Dörfern die Strukturen je länger, je mehr fehlen. Dienste werden zentralisiert, Menschen fehlen, die bereit sind, Ämter auszuüben, Vereine verschwinden, einkaufen ist längst nicht mehr in jedem Dorf möglich. Auf der anderen Seite sind Städte, die unter der Zentrumslast ächzen, Leistungen erbringen, von denen Menschen weit über die Stadt hinaus profitieren, die ihr jedoch niemand bezahlt.

Stadtkinder und Landeier unter sich

Stadt und Land sind aufeinander angewiesen. Nur Städte können gewisse Dienste und Infrastrukturen bieten, können ein breites kulturelles Angebot bereitstellen. Ruhe und Erholung hingegen finden wir eher auf dem Land, und auch unsere Nahrung wird dort produziert. Jesus, eigentlich auch ein Landei, zog durch Dörfer und Städte. Regelmässig ging er zu den Wallfahrtsfesten nach Jerusalem. Die wenigsten von uns sind nomadisch unterwegs. Viele haben das Privileg, dort wo sie wohnen, auch zu arbeiten, und so bleiben oft Stadtkinder und Landeier unter sich. Umso mehr wünsche ich mir ein Zugehen aufeinander und ein wachsendes Bewusstsein, dass wir zusammengehören, Land- und Stadtmenschen, vielleicht abends lauschend und staunend, wenn der Glögglifrosch ruft.

 

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