Wie sehe ich mich an?
Irgendwann in der Kindheit kommt der Moment, in dem wir die Scham entdecken. Plötzlich und unerwartet trifft uns dieses neue Gefühl. Wir bemerken, da ist etwas nicht so, wie es sein sollte. Und das hat etwas mit uns zu tun. Vielleicht haben wir es sogar ausgelöst und sind direkt dafür verantwortlich. Da regt sich dann, dieser Begriff gehört eng zur Scham, das Gewissen. Scham entsteht, wenn sich das Gewissen regt. Wenn wir nicht standhalten vor den (eigenen oder fremden) Ansprüchen.
Wenn es um den Ursprung der Scham geht, sind wir schnell bei der Geschichte von Adam und Eva. Am Ende von Genesis 2 heisst es: «Und die beiden, der Mensch und seine Frau, waren nackt, und sie schämten sich nicht voreinander.» Als dann die Schlange mit ins Spiel kommt (Gen 3), kommt das Wort «Scham» nicht mehr vor. Nachdem Eva und Adam von der Frucht gegessen hatten, «gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter und machten sich Schurze.» Das war die Konsequenz aus dem Wissen um Gut und Böse.
Anschliessend verstecken sie sich vor Gott, weil sie wussten, dass sie nackt waren. Dass sie sich tatsächlich schämten, ist nur in unserem Kopf – nicht im Text. Wir lesen das in den Text hinein, weil es zu unserer Erziehung gehört, dass Nacktsein irgendwann nicht mehr so selbstverständlich ist wie als Kind. Die einzige Tür, die in unserer Wohnung einen fest eingebauten Schliessmechanismus an der Innenseite hat, ist die Badezimmertür. Abschliessen, sich verstecken, ist so architektonisch vorgegeben. Offenbar passiert hinter der verschlossenen Tür etwas, das nicht geteilt werden soll, muss, kann, darf.
Ist denn Scham nun etwas, das nur in unserem Kopf entsteht? Immerhin treibt uns das Eine oder Andere die Schamesröte ins Gesicht. Das könnte ein Hinweis sein. Wir trauen uns dann kaum, darüber zu sprechen. Dieses Eine oder Andere behalten wir lieber für uns. Über der Scham liegt ein Tabu. Besser: Wir legen über die Scham ein Tabu.
Nackt im Spiegel
Die Bibel legt uns nahe, dass Scham etwas mit dem Wissen um unser Nacktsein zu tun hat. Und auch hier hilft die Architektur. Hinter der verschliessbaren Tür gibt es einen fest eingebauten Spiegel. Und der Spiegel ist gnadenlos. Was denken Sie, wenn Sie sich nackt im Spiegel angucken? Der Mensch, den Sie dann sehen: Erkennen Sie sich darin wieder? Sind Sie mit dem identisch? Und: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie sehen? Fernab des Badezimmers halten wir uns manchmal auch selbst den Spiegel vor. Was sehen Sie da?
Scham entsteht, wenn sich das Gewissen regt. Wenn ich im Wissen um Gut und Böse feststelle, dass es nicht so ist, wie es sein sollte. Nicht so ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Früher hatte Scham viel mit Schuld zu tun, auch mit dem Schuldgefühl. Heute habe ich eher den Eindruck, dass Scham aus einem Gefühl des Versagens entsteht. Ich habe es nicht geschafft… Ich habe versagt… Das ist eine interessante Verschiebung. Scham entsteht dann nicht so sehr wegen dem, was ich getan habe, sondern wegen dem, was ich bin. Ich scheitere an meinen eigenen Idealvorstellungen - oder an den Idealvorstellungen der Gesellschaft. Ich stelle fest: Ich bin nicht so, wie ich sein sollte.
Wann haben Sie sich das letzte Mal geschämt? Ist das schon lange her? Weshalb? Und was hat Ihnen geholfen, wieder aus der Scham(spirale) herauszukommen?
Wie sehe ich mich an?